{"id":501,"date":"2018-07-22T16:45:42","date_gmt":"2018-07-22T16:45:42","guid":{"rendered":"http:\/\/andreastriebel.de\/?p=501"},"modified":"2018-07-22T16:45:42","modified_gmt":"2018-07-22T16:45:42","slug":"entwicklungshilfe-bekaempft-fluchtursachen-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreastriebel.de\/?p=501","title":{"rendered":"Entwicklungshilfe bek\u00e4mpft Fluchtursachen nicht","gt_translate_keys":[{"key":"rendered","format":"text"}]},"content":{"rendered":"<p>S\u00fcddeutsche\u00a0 Zeitung &#8211; 19.07.2018<\/p>\n<p class=\"article entry-summary resized\">Mehr Geld aus der deutschen Haushaltskasse ist gut. Aber es wird die weltweite Migration nicht beenden. Vier Gr\u00fcnde, aus denen diese Illusion unrealistisch, zu kurzfristig und zynisch ist.<\/p>\n<section class=\"authors resized\">\n<div class=\"authorContainer\">\n<div class=\"authorProfileContainer\"><span class=\"moreInfo\"> <strong> Gastbeitrag von Martin Br\u00f6ckelmann-Simon<\/strong> <\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/section>\n<p class=\"resized\">Das Interesse der Politik an Entwicklungszusammenarbeit w\u00e4chst. Die entsprechenden Bundesmittel steigen auch im aktuellen Bundeshaushalt deutlich an. Endlich ger\u00e4t dieses wichtige Thema aus dem Schattendasein heraus und erf\u00e4hrt die Zustimmung und Unterst\u00fctzung, f\u00fcr die sich viele Fachleute schon lange einsetzen. Da m\u00fcssten sich doch alle freuen, die sich f\u00fcr das Thema engagieren, oder? Doch so merkw\u00fcrdig es klingt: Dieser Trend muss auch mit Sorge betrachtet\u00a0werden.<\/p>\n<p>Denn mit dieser neuen Attraktivit\u00e4t von Entwicklungszusammenarbeit ist eine fatale Engf\u00fchrung verbunden. Die Diagnose lautet: &#8222;Tunnelblick&#8220;. Der Tunnelblick macht es unm\u00f6glich, Dinge wahrzunehmen, die au\u00dferhalb dessen liegen, wof\u00fcr sich jemand in erster Linie interessiert. Das priorit\u00e4re Interesse der Bundesregierung und vieler Politiker richtet sich sp\u00e4testens seit <span class=\"nowrap\">2015<\/span> auf die Bek\u00e4mpfung der Ursachen von Flucht nach Europa. Diese wird nun in der gerade angelaufenen Legislaturperiode als die zentrale Aufgabe von Entwicklungszusammenarbeit verstanden, wobei sich die Aufmerksamkeit vor allem auf den Nahen Osten und die besonders nah an Europa liegenden Teile Afrikas konzentriert. Budgetzuordnungen und ein neuer Organisationsaufbau im Entwicklungsministerium unterstreichen\u00a0dies.<\/p>\n<p>Was ist daran schlecht? In der Tat, der extrem bedr\u00e4ngte Nahe Osten und der afrikanische Kontinent verdienen schon seit Langem unsere Aufmerksamkeit. Und ja: Das unertr\u00e4gliche Sterben auf den Migrationsrouten muss ein Ende finden. Dass es daf\u00fcr im Bundeshaushalt mehr Geld gibt, ist also keineswegs zu kritisieren. Der Trend muss sich vielmehr auch in den kommenden Haushaltsjahren\u00a0fortsetzen.<\/p>\n<p>Doch dieses zus\u00e4tzliche Geld hat auch einen hohen Preis. Zu nennen w\u00e4ren da zun\u00e4chst die geweckten Erwartungen: Die Ursachen der Flucht von global derzeit circa <span class=\"nowrap\">66<\/span> Millionen Menschen liegen vorrangig in anhaltender Gewalt und fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen in ihren Heimatl\u00e4ndern. Solch komplexe Problemfelder lassen sich nicht kurzfristig beseitigen, hierzu bedarf es eines sehr langen Atems. Die tiefe Ratlosigkeit der internationalen Gemeinschaft angesichts der Konfliktlage in Nahost macht dies deutlich; eine tragf\u00e4hige Friedensl\u00f6sung liegt hier in weiter Ferne. Und erst recht braucht die weltweite nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen der Armen viel Zeit und Geduld. Sie erfordert zudem auch von den reichen L\u00e4ndern politische Konsequenzen, zum Beispiel in der Agrar-, Handels- und R\u00fcstungspolitik. Ein tieferer Griff in die Haushaltskasse wird also den Migrationsdruck vor den Toren Europas nicht rasch mindern. Stattdessen k\u00f6nnte bei solchen politischen Zielvorgaben der alte Vorwurf neue Nahrung bekommen, dass Entwicklungszusammenarbeit ohnehin nichts bringe, da weltweit die Zahl der Vertriebenen und Gefl\u00fcchteten innerhalb und au\u00dferhalb ihrer Landesgrenzen nicht sinkt, sondern weiter\u00a0steigt.<\/p>\n<p>Die zweite Gefahr besteht darin, dass &#8211; gegen alle Tatsachen &#8211; suggeriert wird, der verbesserte Entwicklungsstand eines Landes f\u00fchre zu weniger Abwanderung. Ein Langzeitblick auf weltweite Migrationsbewegungen zeigt, dass dies keinesfalls so stimmt. Im Gegenteil: Mehr verf\u00fcgbares Geld und ein durch Bildung, Medienzugang und Reisem\u00f6glichkeiten erweiterter Horizont verst\u00e4rken die Sehnsucht nach neuen Perspektiven im Ausland. Ohnehin muss es letztlich, statt Migration abzuwehren, eher darum gehen, diese n\u00fcchtern als eine anthropologische Konstante zu begreifen, ihre Dynamik besser zu verstehen und ihre wirtschaftliche Logik zu akzeptieren. Grenz\u00fcberschreitende zirkul\u00e4re Arbeitsmigration etwa geh\u00f6rt zu den Lebenszyklen und Wirtschaftskreisl\u00e4ufen Westafrikas seit Langem konstitutiv dazu. Sie ist also dort entwicklungspolitisch etwas Gutes und nichts Schlechtes.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"asset-image__image-tag\" src=\"https:\/\/media-cdn.sueddeutsche.de\/image\/sz.1.4061047\/320x180?v=1531993507000\" sizes=\"(min-width: 1000px) 640px, 100vw\" srcset=\"https:\/\/media-cdn.sueddeutsche.de\/image\/sz.1.4061047\/320x180?v=1531993507000 320w, https:\/\/media-cdn.sueddeutsche.de\/image\/sz.1.4061047\/640x360?v=1531993507000 640w, https:\/\/media-cdn.sueddeutsche.de\/image\/sz.1.4061047\/1280x720?v=1531993507000 1280w\" alt=\"Fl\u00fcchtlings- und Migrationspolitik Fl\u00fcchtlingspolitik\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Martin Br\u00f6ckelmann-Simon, 61, ist als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des katholischen Hilfswerks Misereor verantwortlich f\u00fcr den Bereich Internationale Zusammenarbeit.<\/p>\n<p><span class=\"asset-image__source\">(Foto: oh)<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die dritte Gefahr liegt au\u00dferhalb der eurozentrischen Tunnelperspektive. In einer globalisierten Welt k\u00f6nnen krisenhafte Entwicklungen von Venezuela bis Tonga f\u00fcr Deutschland und Europa ebenso relevant sein wie solche in Bayern oder Nieder\u00f6sterreich. Die Welt ist heute auf das Engste miteinander verkn\u00fcpft, keiner kann sich dem entziehen; alle tragen Verantwortung f\u00fcr das Weltgemeinwohl und das Leben auf unserer Erde. Wir Europ\u00e4er k\u00f6nnen es uns nicht leisten, Weltregionen wie zum Beispiel den Pazifik, das s\u00fcdliche Afrika oder Lateinamerika auszublenden. Und genauso wenig k\u00f6nnen die wohlhabenden Gesellschaften verantworten, Kernaufgaben von Entwicklungszusammenarbeit wie den Kampf gegen globale Ungleichheit und den Verlust der biologischen Vielfalt zu vernachl\u00e4ssigen; wir m\u00fcssen \u00fcberall f\u00fcr faire Handelsbeziehungen und den Rechtsstaat eintreten, f\u00fcr den Schutz der Menschenrechte und der Demokratie.<\/p>\n<h3>Weder Nord noch S\u00fcd noch einzelne Staaten gewinnen die Erde f\u00fcr sich allein<\/h3>\n<p>Der Einsatz f\u00fcr eine nachhaltige st\u00e4dtische Entwicklung auf den Philippinen oder in Peru ist so wenig sekund\u00e4r wie derjenige f\u00fcr die Rechte von Stra\u00dfenkindern in Brasilien, obwohl beides kaum in den Themenbereich Fluchtursachenbek\u00e4mpfung einzuordnen ist. Auch die Reduktion klimasch\u00e4dlicher Treibhausgase und Anpassungsma\u00dfnahmen an die nicht mehr vermeidbaren Klimawandelfolgen sind dr\u00e4ngende globale Themen jenseits der Frage, wie viele Menschen Einlass in die Festung Europa\u00a0erbitten.<\/p>\n<p>Die vierte Gefahr betrifft die ethische Legitimationsbasis und Akzeptanz von Entwicklungszusammenarbeit. Reduzieren wir diese unter dem Stichwort Fluchtursachenbek\u00e4mpfung auf die Aufgabe, uns die Probleme anderer Regionen vom Hals zu halten, agieren wir zynisch und egoistisch. Und wir blenden die Tatsache aus, dass die Bew\u00e4ltigung von Massenflucht andere, weitaus \u00e4rmere Weltregionen schon jetzt viel st\u00e4rker belastet als uns im reichen Europa. Der Eigennutz als Rechtfertigungsgrundlage wird \u00fcberdies in dem Moment br\u00fcchig, wo uns selbst Konsequenzen abverlangt werden, zum Beispiel, wenn der Schutz von Fischgr\u00fcnden oder die faire Kakaovermarktung in Afrika zu h\u00f6heren Preisen bei uns\u00a0f\u00fchren.<\/p>\n<p>Wasch mich, aber mach mich nicht nass &#8211; diese Devise kann nicht funktionieren, wenn es um wahrhaft strukturelle Ursachenbek\u00e4mpfung miserabler Lebensperspektiven geht. Im gemeinsamen Haus Erde muss jeder seine Aufgaben erf\u00fcllen und auch Einschr\u00e4nkungen in Kauf nehmen. Es geht um unser aller Zukunft auf diesem Planeten. Diese ist unteilbar: Weder Nord noch S\u00fcd noch einzelne Staaten k\u00f6nnen die Erde f\u00fcr sich allein gewinnen und bewahren, ohne sie allen V\u00f6lkern zuzugestehen. Diesen Horizont braucht Entwicklungszusammenarbeit &#8211; und nicht den\u00a0Tunnelblick.<\/p>\n","protected":false,"gt_translate_keys":[{"key":"rendered","format":"html"}]},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00fcddeutsche\u00a0 Zeitung &#8211; 19.07.2018 Mehr Geld aus der deutschen Haushaltskasse ist gut. Aber es wird die weltweite Migration nicht beenden. 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