{"id":970,"date":"2019-10-12T18:32:13","date_gmt":"2019-10-12T16:32:13","guid":{"rendered":"http:\/\/andreastriebel.de\/?p=970"},"modified":"2019-10-16T16:21:57","modified_gmt":"2019-10-16T14:21:57","slug":"fast-nichts-spricht-gegen-einen-hoeheren-mindestlohn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreastriebel.de\/?p=970","title":{"rendered":"Fast nichts spricht gegen einen h\u00f6heren Mindestlohn","gt_translate_keys":[{"key":"rendered","format":"text"}]},"content":{"rendered":"\n<p> <strong>Norbert Haering &#8211; <a href=\"http:\/\/norberthaering.de\">norberthaering.d<\/a><\/strong><a href=\"http:\/\/norberthaering.de\">e<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bevor in Deutschland im Januar 2015 erstmals eine allgemeine Lohnuntergrenze von 8,50 Euro eingef\u00fchrt wurde, hatten deutsche \u00d6konomen entsprechende Pl\u00e4ne scharf kritisiert und hohe Besch\u00e4ftigungsverluste vorausgesagt, die nie eintraten. Praktisch der gesamte \u00f6konomische Mainstream machte mit, angef\u00fchrt vom Sachverst\u00e4ndigenrat, der auch vor Publikumst\u00e4uschung nicht zur\u00fcckschreckte. Jetzt wo aus dem gewerkschaftlichen und linken Lager eine Erh\u00f6hung auf 12,50 Euro gefordert wird, werden die alten, diskretitierten Argumente unerschrocken weitergef\u00fchrt.Die simple Logik der Mindestlohnwarner: Wenn Arbeitskr\u00e4fte teurer werden, werden weniger Arbeitskr\u00e4fte nachgefragt. Wer weniger bringt, als er nach der neuen Regelung kostet, wird arbeitslos. Die Kritiker sagten den Verlust von 500.000 bis zu mehr als einer Million Arbeitspl\u00e4tzen durch die Mindestlohneinf\u00fchrung voraus. Andreas Knabe, Ronnie Sch\u00f6b und Marcel Thun etwa prognostizierten 2014 in ihrem Standardmodell den Verlust von einer halben Million Minijobs, 250.000 sozialversicherungspflichtigen Stellen sowie 90.000 Rentner- und Studentenjobs. Mit der Offenlegung von Verbindungen zur Arbeitgerberinitiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) nahmen sie es dabei nicht so genau.Der Sachverst\u00e4ndigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung schrieb in seinen Jahresgutachten seit 2004 gegen den Mindestlohn an, mit dem Argument, er werde sehr viele Stellen kosten. Als es nicht so kam, schrieb er erst, es sei noch zu fr\u00fch f\u00fcr eine abschlie\u00dfende Beurteilung, und breitete dann den Mantel des Schweigens \u00fcber die unr\u00fchmliche Geschichte. Der Verein f\u00fcr Sozialpolitik, die f\u00fchrende deutschsprachige \u00d6konomenvereinigung, hat sich mit einem Themenheft seiner Zeitschrift &#8222;German Economic Review&#8220; der Frage gewidmet, ob und wie viele Arbeitspl\u00e4tze die Lohnuntergrenze nun tats\u00e4chlich gekostet hat. Den ersten Anschein haben die Kritiker gegen sich. Die Besch\u00e4ftigung stieg im Jahr der Einf\u00fchrung des Mindestlohns und in den Folgejahren kr\u00e4ftig an. Das kann aber nat\u00fcrlich nicht direkt auf die Mindestlohneinf\u00fchrung zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Es ist ja m\u00f6glich, dass bei der guten Konjunkturlage noch mehr Stellen geschaffen worden w\u00e4ren, wenn der Mindestlohn nicht eingef\u00fchrt worden w\u00e4re.Um den Einfluss der Lohnuntergrenze zu isolieren, vergleichen empirische Studien, wie die Besch\u00e4ftigungsentwicklung dort war, wo der Mindestlohn eine gro\u00dfe Rolle spielt und wie sie dort war, wo er eine geringe oder keine Rolle spielt, weil das allgemeine Lohnniveau zu hoch ist. Die Gruppenbildung kann sich dabei nach Regionen richten, also Niedriglohnregionen versus Hochlohnregionen, oder nach Wirtschaftszweigen, oder nach pers\u00f6nlichen Merkmalen der Arbeitnehmer. Effekt kann in beide Richtungen gehen. Theoretisch lassen sich sowohl positive als auch negative Wirkungen des Mindestlohns auf die Besch\u00e4ftigung begr\u00fcnden. Das von Kritikern favorisierte theoretische Modell geht davon aus, dass auf G\u00fcter- und Arbeitsm\u00e4rkten ann\u00e4hernd vollkommene Konkurrenz herrscht. Es g\u00e4be dann keine Gewinne zu verteilen und die Besch\u00e4ftigten w\u00fcrden ann\u00e4hernd mit dem Ertragverg\u00fctet, den ihre Arbeit hervorbringt. Zwingt man unter solchen Bedingungen die Arbeitgeber,  Niedrigl\u00f6hnern mehr zu bezahlen, werden deren Arbeitspl\u00e4tze wegrationalisiert, weil sie sich nicht mehr lohnen.Das wichtigste Konkurrenzmodell geht davon aus, dass die Arbeitgeber in unterschiedlich gro\u00dfem Umfang Marktmacht als Arbeitsnachfrager haben. Das beruht vor allem darauf, dass die Arbeitnehmer in Pendelreichweite nur eine sehr begrenzte Auswahl an m\u00f6glichen Arbeitgebern und freien Stellen vorfinden. Eingeschr\u00e4nkte Konkurrenz erlaubt den Arbeitgebern, die L\u00f6hne niedrig zu halten und dadurch ihren Gewinn zu steigern. Eine Vorschrift zur Erh\u00f6hung der niedrigsten L\u00f6hne muss daher nicht dazu f\u00fchren, dass sich die entsprechenden Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr die Arbeitgeber nicht mehr lohnen. Sie kann sogar theoretisch dazu f\u00fchren, dass sie mehr Leute einstellen. Denn der sonst \u00fcbliche Effekt, dass man h\u00f6hereL\u00f6hne bieten muss, um mehr Arbeitspl\u00e4tze zu f\u00fcllen, f\u00e4llt weg, wenn die L\u00f6hne ohnehin erh\u00f6ht sind. Wenn man eh mehr bezahlen muss, kann man auch gleich so viele Leute einstellen, wie man zu dem erh\u00f6hten Lohn bekommen kann.Zwei Beitr\u00e4ge mit sehr \u00e4hnlicher Methodik von Alfred Garloff vom Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und Sebastian Schmitz vom Arbeitsministerium sind symptomatisch f\u00fcr das Spektrum der Ergebnisse. Beide nutzen den Anteil Niedriglohnbesch\u00e4ftigter verschiedenerRegionen, um die Effekte des Mindestlohns zu isolieren. Sie verglichen die Besch\u00e4ftigungsentwicklung in Regionen mit einem hohen Anteil von L\u00f6hnen unterhalb des k\u00fcnftigen Mindestlohns mit der in Regionen mit einem h\u00f6heren Lohnniveau, wo der Mindestlohn weniger stark greift. Garloff verfeinerte die Vergleichsgruppen noch, indem er auch noch Altersgruppe und Geschlecht ber\u00fccksichtigte, die in unterschiedlichem Ma\u00df vom Mindestlohn betroffen sind. Er ermittelt eine leicht positive Wirkung der Mindestlohneinf\u00fchrung auf die Besch\u00e4ftigung. Bei Schmitz ist der Effekt dagegen leicht negativ. Schmitz, der die Studie vor Aufnahme seiner T\u00e4tigkeit im Ministerium erstellte, ist sich mit Garloff einig, dass die ermittelten Effekte in beiden F\u00e4llen so gering sind, dass man sich darauf einigen k\u00f6nne, keinen \u00f6konomisch bedeutsamen Effekt ermittelt zu haben. In einem \u00dcberblicksartikel fassen Marco Caliendo, Carsten Schr\u00f6der und Linda Wittbrodt dieErgebnisse dieser beiden und einer Reihe weiterer Studien so zusammen, dass empirische Studien entweder einen schwach-negativen oder einen nicht vorhandenen Einfluss des Mindestlohns auf die Besch\u00e4ftigung ermitteln. Eindeutig negativ ist nur der Einfluss auf die Zahl der Minijobs, die aber ohnehin als Arbeitsmarktsegment nicht den besten Ruf genie\u00dfen. Beiden regul\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen reichte die Bandbreite der ermittelten Wirkungen von schwach negativ bis schwach positiv.  Folgenlose Evaluierung. In Gro\u00dfbritannien, wo es schon seit 20 Jahren einen Mindestlohn gibt, hat eine sogenannte Niedriglohnkommission den Auftrag, die wissenschaftlichen Studien zu den Wirkungen auszuwerten. Auf Basis ihrer Empfehlung soll der Mindestlohn so weit erh\u00f6ht werden wiem\u00f6glich, ohne die Besch\u00e4ftigungsaussichten zu besch\u00e4digen.In einem j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten Bericht zu 20 Jahren Mindestlohn schreibt die Kommission, die Lohnuntergrenze habe den bis 1999 vorherrschenden Trend umgekehrt, dass die niedrigen Lohngruppen immer weiter zur\u00fcckfallen. Immerhin 30 Prozent der Arbeitnehmer h\u00e4tten durch den Mindestlohn profitiert, entweder direkt oder indirekt, weil die nach oben angrenzenden Lohngruppen besser bezahlt wurden, um den Abstand zum Mindestlohn zu wahren. &#8222;Die Niedriglohnkommission hat keine signifikanten negativen Wirkungen derMindestlohnerh\u00f6hungen auf die Besch\u00e4ftigung gefunden&#8220;, stellt diese res\u00fcmierend fest. Dabei wurde das gesetzliche Minimum allein zwischen 2010 und 2017 von 46 Prozent des mittleren Lohns auf 54 Prozent angehoben. Mit dieser Relation liegt Gro\u00dfbritannien nach einem Vergleich der Industriel\u00e4nderorganisation OECD eher im oberen Bereich der L\u00e4nder mit einem Mindestlohn. In Deutschland war er mit 48 Prozent im Vergleich zum mittleren Lohn deutlich niedriger. H\u00e4tte die deutsche Mindestlohnkommission den gleichen Auftrag wie die britische Low Pay Commission, so w\u00fcrde die Datenlage wohl f\u00fcr eine \u00fcberproportionale Erh\u00f6hung des Mindestlohns relativ zur allgemeinen Lohnentwicklung sprechen. Aber die deutsche Kommission hat diesen Auftrag nicht, so dass den Wirkungsstudien hier eine viel geringere wirtschaftspolitische Bedeutung zukommt. Die deutsche Kommission, die mit Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertretern sowie Wissenschaftlern besetzt ist, soll im Kern nur nachlaufend den Mindestlohn der allgemeinen Lohnentwicklung anpassen. Im Januar 2020 steigt er von derzeit 9,19 Euro auf 9,35 E <\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:23px\"><strong>Warum es keine Erh\u00f6hung des Mindestlohns gibt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andreas Triebel &#8211; <a href=\"https:\/\/andreastriebel.de\">andreastriebel.de<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Anpassung des Mindestlohns wurde von der Merkel- und SPD- Regierung  zwar einer Kommossion \u00fcbergeben, aber mit so viel Vorgaben versehen, dass eine sp\u00fcrbare Erh\u00f6hung bisher unterblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kann auch nie erfolgen, weil sonst das gesamte Lohngef\u00fcge, in dem sich unsere Klassengesellschaft spiegelt,  gef\u00e4hrdet wird. Der Fabrikdirektor (er wird CEO genannt) verdient das Mehrhundertfache des Lohnes eines einfachen Arbeiters. Und bei einer Insolvenz muss der Arbeiter zum Amt gehen und Unterst\u00fctzung beantragen, w\u00e4hrend der Chefmanager eine hohe Abfindung erh\u00e4lt. Dieses System stabilisiert unsere Gesellschaft und die Kommission f\u00fcr die Lohnfindung wei\u00df dies sehr genau. Da k\u00f6nnen ein paar \u00d6konomen noch so gut begr\u00fcnden, warum aus gesamtwirtschaftlicher Sicht eine sp\u00fcrbare Erh\u00f6hung auf zw\u00f6lf oder sechzehn Euro notwendig und vern\u00fcnftig w\u00e4re, sie k\u00f6nnen niemals durchdringen, denn der Erhalt unseres gesellschaftlichen Gef\u00fcges ist allemal wichtiger. Der Unterklasse muss klar gesagt werden, wer oben regiert und wer unten zu folgen hat.  Eine demoralisierte Unterklasse ist f\u00fcgsam und kann beherrscht werden. Sie soll glauben, an ihrem Schicksal selbst schuld zu sein. Sie h\u00e4tte sich ja mehr bilden k\u00f6nnen. Bei der letzten Wahl zum Bundestag propagierte die SPD Bildung f\u00fcr alle. Als ob Bildung f\u00fcr alle etwas an den Eigentumsverh\u00e4ltnissen \u00e4ndern w\u00fcrde. Es gibt schon genug Taxifahrer, die ein Universit\u00e4tsstudium hinter sich haben, aber eine Chance auf einen h\u00f6her bezahlten Job haben sie nicht. Und die Gewerkschaften haben keine wirkliche Kraft. <\/p>\n\n\n\n<p>Es dominiert die Ideologie des Neoliberalismus, die besagt, dass der Markt die gesellschaftlichen Kr\u00e4fte austarieren w\u00fcrde. Dahinter verbirgt sich aber nur eine Rechtfertigung der gegenw\u00e4rtigen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n","protected":false,"gt_translate_keys":[{"key":"rendered","format":"html"}]},"excerpt":{"rendered":"<p>Norbert Haering &#8211; norberthaering.de Bevor in Deutschland im Januar 2015 erstmals eine allgemeine Lohnuntergrenze von 8,50 Euro eingef\u00fchrt wurde, hatten deutsche \u00d6konomen entsprechende Pl\u00e4ne scharf kritisiert und hohe Besch\u00e4ftigungsverluste vorausgesagt,&hellip;<\/p>\n","protected":false,"gt_translate_keys":[{"key":"rendered","format":"html"}]},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,13],"tags":[171,15],"class_list":["post-970","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik","category-wirtschaft","tag-mindestloehne","tag-spd"],"gt_translate_keys":[{"key":"link","format":"url"}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/andreastriebel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/970","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/andreastriebel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/andreastriebel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreastriebel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/andreastriebel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=970"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/andreastriebel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/970\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":980,"href":"https:\/\/andreastriebel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/970\/revisions\/980"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/andreastriebel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=970"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreastriebel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=970"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/andreastriebel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}